Die Wut, die bleibt von Mareike Fallwickl (Hörspielfassung)

Die Wut, die bleibt, geschrieben von Mareike Fallwickl ist im März 2022 im Rowohlt Verlag erschienen. Über ein Jahr später wird das Buch als Theaterfassung bei den Salzburger Festspielen inszeniert und auch als Hörspiel aufgenommen. Eine Hörspiel-Premiere!

Das Hörspiel ist noch bis zum 18. September 2023 bei hr2.de und in der ARD Audiothek verfügbar.

Das Buch ist so intensiv und wortgewaltig, aber auch erschütternd und daher kann man sagen: Die Wut bleibt wirklich. Wenn man sich länger mit dem Thema beschäftigt ist das auch kein Wunder. Wir sind umso gespannter auf die Hörspielfassung und haben einmal reingehört.

Und darum geht’s:


Klappentext von Die Wut, die bleibt

Helene, Mutter von drei Kindern, steht beim Abendessen auf, geht zum Balkon und stürzt sich ohne ein Wort in den Tod. Die Familie ist im Schockzustand. Plötzlich fehlt ihnen alles, was sie bisher zusammengehalten hat: Liebe, Fürsorge, Sicherheit.

Helenes beste Freundin Sarah, die ­Helene ­ihrer Familie wegen zugleich beneidet und bemitleidet hat, wird in den Strudel der ­Trauer und des Chaos gezogen. Lola, die ­älteste Tochter von Helene, sucht nach einer ­Möglichkeit, mit ihren Emotionen fertigzuwerden, und konzentriert sich auf das Gefühl, das am stärksten ist: Wut.

Drei Frauen: Die eine entzieht sich dem, was das Leben einer Mutter zumutet. Die anderen beiden, die Tochter und die beste Freundin, müssen Wege finden, diese Lücke zu schließen. Ihre Schicksale verweben sich in diesem bewegenden und kämpferischen Roman darüber, was es heißt, in unserer Gesellschaft Frau zu sein.


Fakten

Genre:

Fiktion / Roman / Gegenwartsliteratur

Musik:

Jörg Kleemann

Theaterinszenierung:

Jorinde Dröse

Funkregie:

Leonhard Koppelmann

Label:

hr/ORF in Zusammenarbeit mit den Salzburger Festspielen 2023

Gesamtspiellänge:

ca. 65 Minuten

Erscheinungsdatum:

20.08.2023

Besetzung: 

Sarah | Anja Herden
Johannes | Max Landgrebe
Helene | Johanna Bantzer
Femme  | Sophie Casna
Leon  | Fabian Dott
Lola  | Nellie Fischer-Benson
Alva  | Yasmin Mowafek
Sunny | Hanh Mai Ti Tran


Fazit

Ein übergelaufenes Fass

Es ist keine leichte Kost, die man zu sich nimmt, aber es hilft nichts. Man muss sie zu sich nehmen. Man muss den Tatsachen schließlich auch mal in die Augen sehen. Helenes Reaktion mag im ersten Moment makaber klingen. Warum springt sie vom Balkon, nur weil ihr Mann fragt, ob noch Salz da ist? Übertreibt sie da nicht ein bisschen? Typisch Frau – oder so. Bisschen hysterisch oder was? Die Frage nach dem Salz hat das Fass für Helene endgültig zum Überlaufen gebracht.

Teilzeitarbeit wird bezahlt, die Arbeit, die zu Hause bei drei Kindern und Haushalt wartet, nicht. Sie wird oftmals nicht mal gesehen. Care-Arbeit ist Arbeit und unbezahlt noch dazu. Frauen wissen, wovon Mareike Fallwickl spricht. Sie können sich in Helene reinfühlen und ihr Verhalten verstehen.

Gleichzeitig arbeiten und Kinder betreuen? Kein Problem!

Frauen und vor allem Mütter haben es in unserer Gesellschaft nicht leicht. Die Geschichte rund um Helenes Familie zeigt auf, wie es ist als Frau, als Mutter, als Familie, als Feministin in unserer Gesellschaft. Die Wut, die bleibt offenbart, welche Themen alle im Kopf einer Mutter herumschwirren und die plötzlich, aufgrund des Selbstmords von Helene, auch für Johannes relevant werden: Wie soll man gleichzeitig Kinderbetreuung nachgehen und arbeiten? Wie soll man Geld verdienen, wenn man nur in Teilzeit arbeiten gehen kann? Wie soll man von diesem reduzierten Gehalt eine Familie ernähren? Was tun, wenn die Kinder krank sind? Was tun, wenn Kitaplätze fehlen? Was tun, wenn plötzlich irgendetwas Unvorhergesehenes passiert und niemand da ist, der einspringen kann? Guck halt mal selbst nach, ob noch Salz da ist – das wäre eine Option, Johannes!

Die Wut bleibt definitiv!

Mareike Fallwickl bringt es mit Die Wut die bleibt knallhart auf den Punkt. Das Buch frisst einen auf, im positiven wie im negativen Sinne und was macht das Hörspiel? Das Hörspiel macht einen zusätzlich rasend, weil sich die Stimmen im Kopf festsetzen und dafür sorgen, dass sie noch tiefer stecken bleibt, diese Wut.

Die Klarheit der Stimmen, die klare Aussprache der Sätze in Kombination mit den Geräuschen und Einblendungen der Stimmen. Das Alles macht das Hörspiel sehr besonders, gar künsterlisch. Es macht Spaß zuzuhören, auch wenn es weh tut, weil das Thema rund um Trauer, Wut, Gewalt, Verlust einfach weh tut.

Laetitia Colombani – Der Zopf

Neues Jahr, neues Glück oder auf zu neuen Ufern! Wir möchten uns in diesem Jahr inhaltlich breiter aufstellen, weshalb wir die Zeit direkt genutzt haben, um uns das Hörbuch zu Der Zopf von Laetitia Colombani anzuhören.


Worum geht’s?

Drei Frauen, drei Leben, drei Kontinente – und dieselbe Sehnsucht nach Freiheit

Drei Lebenswege, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und dennoch teilen Smita, Giulia und Sarah das gleiche Schicksal: Alle drei kämpfen mutig gegen die Widerstände des Lebens. Smita, die Unberührbare, opfert in Indien ihr Haar dem Gott Vishnu, denn ihrer Tochter soll es einmal besser ergehen. In Palermo rettet Giulia die Perückenfabrik ihres Vaters vor dem Bankrott. Und als in Montreal die erfolgreiche Anwältin und alleinerziehende Mutter Sarah erkrankt, schöpft sie mit ihrer Perücke neuen Lebensmut. In leuchtenden Bildern nehmen uns Andrea Sawatzki, Eva Gosciejewicz und Valery Tscheplanowa mit auf eine Reise rund um den Globus – eine Hymne auf das Leben und den Mut aller Frauen dieser Welt.

Quelle: Argon Verlag


Fakten

Genre:

Internationale Literatur, Belletristik

Label:

Argon Verlag

Gesamtspiellänge:

5 Stunden 42 Minuten

Erscheinungsdatum:

31. März 2018

Besetzung: 

Smita gesprochen von Valery Tscheplanowa

Giulia gesprochen von Eva Gosciejewicz

Sarah gesprochen von Andrea Sawatzki


Fazit

Sprecherinnenleistung:

Valery Tscheplanowa, Andrea Sawatzki und Eva Gosciejewicz führen uns durch die Geschichte von Laetitia Colombani. Drei sehr unterschiedliche Stimmen für drei sehr unterschiedliche Charaktere. Und genau das ist der entscheidende Punkt, weshalb wir dieses Hörbuch auch Hörspielliebenden empfehlen können. Die drei Sprecherinnen kommen immer abwechselnd zum Zug und lockern die Geschichte von Smita, Giulia und Sarah extrem auf. Langeweile kommt hier nicht auf. Im Gegenteil. Wir haben uns rund um die Uhr gut unterhalten gefühlt (sofern man bei diesen drei krassen Schicksalen von Unterhaltung sprechen kann), weil man sofort eintaucht in die Leben der drei Frauen.

Valery Tscheplanowa liest die Geschichte um Smita in gesenkter Stimme, nahezu flüsternd. Das Schicksal der indischen Frau bekommt man als Europäer gar nicht zu fassen und das Schlimme daran ist, dass es sich natürlich um keinen Einzelfall handelt. Tscheplanowa schafft es, Smitas Geschichte noch mehr Stärke zu verleihen. Die Figur Giulia wird von Eva Gosciejewicz in aufgewecktem und mediterranem Ton gelesen. Hier hört man sofort raus, dass es sich um eine junge, motivierte Frau handelt. Andrea Sawatzki liest die Sarah. Sawatzki unterstreicht in ihrem Tun die verzweifelte Situation, in der sich Sarah befindet. Wir können uns hier sofort reinfühlen – aber das trifft auf alle drei Inhaltsstränge zu.

Mit wem haben wir es konkret zu tun?

Valery Tscheplanowa ist Schauspielerin und hat bei einigen Radio-Hörspielen u. a. beim WDR und Deutschlandradio Kultur mitgewirkt. 2018 gewann sie in der Kategorie “Beste Interpretin” den Deutschen Hörbuchpreis für Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war von Paulus Hochgatterer.

Andrea Sawatzki kennen wir vor allem als Tatort-Schauspielerin des Frankfurter Tatorts (bis 2009), aber natürlich auch aus vielen weiteren Filmen. Sie hat bereits einige Hörbücher gelesen, so auch den anderen Roman von Laetitia Colombani “Das Haus der Frauen”, der 2020 erschienen ist.

Eva Gosciejewicz ist ebenso wie ihre Kolleginnen Schauspielerin. Neben ihrer Arbeit vor der Kamera ist sie vor allem als Sprecherin für Hörspiele und Hörbücher tätig. Zuletzt ist Anne Gesthuysen – Wir sind schließlich wer mit ihr als Sprecherin – ebenfalls im Argon Verlag – erschienen.

Cover und Titel:

Das Hörbuchcover entspricht – wie gewöhnlich – dem Buchcover. Es ist sehr ästhetisch, aber nicht kitschig (!). Zu sehen ist ein Zopf, der von schmalen, femininen Händen geflochten wird. Im Hintergrund befinden sich Blumenzweige und Schmetterlinge. Der Stil ist sehr bedacht gewählt und wirkt stimmig. Die Romane von Laetitia Colombani Das Haus der Frauen (2020) und auch Das Mädchen mit dem Drachen (2022) haben Cover in ähnlichem Stil.

Handlung:

Drei Frauen, drei Leben, ein Zopf. Das fasst die Geschichte von Laetitia Colombani gut zusammen. Die Erste spendet ihre Haare, die Zweite verarbeitet sie und die Dritte benötigt sie aufgrund ihrer Krankheit. In verschiedenen Abschnitten werden wir in die Welt der drei Frauen eingeführt. Unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Ziele, unterschiedliche Gefühle und Hoffnungen. Das macht das Buch und auch das Hörbuch aus. Man steigt emotional sofort ein in die Leben der Frauen, die unterschiedlicher nicht seinen könnten. Und dennoch hat jede dieser Frauen – ganz individuell – große Päckchen zu tragen.

Der Zopf ist ein feministischer Roman, der alltägliche Situationen von Frauen auf drei verschiedenen Kontinenten und damit Kulturen aufzeigt. Hier geht es u. a. um die katastrophale Behandlung von Frauen in Indien und die Tatsache, dass Frauen auch in unserer Kultur immer noch Nachteile haben, etwa, wenn es darum geht, sich in hohen Positionen in Wirtschaft und Politik zu etablieren. Vor allem dann, wenn Schwangerschaft und/oder Krankheit ins Spiel kommen. Laetitia Colombani gelingt es, die Probleme auf den Punkt zu bringen und flicht aus diesen drei Geschichten einen gelungenen Zopf.


Zur XXL-Hörprobe von Der Zopf