Folge der Woche: Radio-Hörspiel – Morgen ist Regen (WDR 3)

Diesmal haben wir uns im WDR Hörspiel-Speicher umgesehen und ein Radio-Hörspiel für euch herausgepickt. Im Podcast könnt ihr hier kostenlos die meisten Produktionen aus 1LIVE, WDR 3 und WDR 5 – als Download oder im Stream – abonnieren.

Tune in für: “Morgen ist Regen”, eine Hörspielproduktion von Guy Helminger.


Hobby: S-Bahn-Surfen

“Morgen ist Regen” handelt von fünf perspektivlosen Jungen, deren einziger Lebenssinn im S-Bahn-Surfen zu bestehen scheint. Ansonsten steht Herumlungern auf dem Programm. Die Jugendlichen verbindet ein trister Alltag, geprägt von Ziel- und Hoffnungslosigkeit.

Eine unglückliche Jahrtausendwende

Anbruch des neuen Jahrtausends, ein Zukunftsversprechen? Nicht für die fünf Jungen. Das neue Jahrtausend hätte mieser nicht beginnen können. Fraggel, einer von ihnen, hat es an diesem Morgen nämlich nicht gepackt: unter den Zug gekommen, tot. Die anderen bleiben ratlos zurück. Sie wissen nicht, wie sie mit dem tödlichen Unglück ihres Freundes umgehen sollen.

Die Venezuela-Lüge

Die Gruppe einigt sich: Olif darf die Wahrheit nicht erfahren, da sein großes Vorbild jetzt nicht mehr unter ihnen weilt. Sie erzählen ihm, dass Fraggel nach Venezuela gefahren sei, weil man dort wahnsinnig gut S-Bahn-surfen könne.

Die Jugendlichen steigern sich derart in ihre selbst erfundene Geschichte hinein, dass sie sie am Ende selbst glauben. Wo “Vene” eigentlich liegt, wissen sie nicht, halten es aber für ein gepriesenes Land. Die Utopie beginnt zu bröckeln, als die alte Feindschaft zwischen Fraggel und Izmir wieder an die Oberfläche tritt. Und da ist noch Olif, der nichts von der großen Lüge über sein Vorbild ahnt. Das Unheil nimmt seinen Lauf, als die Wahrheit ans Licht kommt …


Fazit

Inhalt:

Die Geschichte ist authentisch, die Umsetzung gefällt nicht durchgehend. Inhaltlich haben wir am Drehbuch jedoch nichts auszusetzen!

Sprecherleistung:

Die Sprecher agieren nicht sehr glaubwürdig. Obgleich die Story den Hörer äußerst verstört zurücklässt, bleibt ein fader Beigeschmack zurück. Mit einer stimmigeren Besetzung der Sprecher hätte es ein runderes Hörspiel-Stück werden können! Dabei kritisieren wir nicht die Fähigkeiten der einzelnen Sprecher, sondern vielmehr die Zusammensetzung der jugendlichen Surfer-Gruppe.

Geräusche-Umsetzung:

Die Geräusche im Hörspiel sind absolut überzeugend umgesetzt worden. Sie kreisen alle um das Thema Bahnhof- und Zuggeräusche. Die Geräusche transportieren die düstere und perspektivlose Stimmung an den Bahngleisen perfekt. Auch für die Zwischenmelodien gilt: Daumen hoch! Schöne Abwechslung von fröhlicher und düsterer Musik.

Gesamtspiellänge:

49min56

Titel:

Der Titel “Morgen ist Regen” ist klug gewählt, weil er nicht spoilert und von Metaphorik und Symbolik geprägt ist. & nun verraten wir aber nicht mehr!


Lieblingszitat(e):

Die Bande unterhält sich über Fraggel und Venezuela.

“Goldwäscher macht er, wenn kein Surfen ist.”
“Goldwäscher?”
“Klar. Im Fluss und so. Unter’m Wasserfall, der Rio. Zieht da richtige Brocken raus und verkauft die.”
“Rio?! Aus’m Fluss?! … Wo is’n da ‘n Fluss?”
“Hinter’m Dschungel und dann noch mittendrin.”
“Dschungel gibt’s auch?”
“Gleich da!”
“Da … wo da?!”
“Na, eben da!”
“Und da ist Dschungel?”
“Klar. Hinter der Grenze, geradeaus, kannste surfen. Und da … etwas links von der Grenze, gehste in Dschungel. Goldsuchen und so. Musste nur aufpassen wegen Blutegel und so, hängste sonst voll mit und … hast kein Blut mehr, geht ganz schnell. Rums und Blut ist weg. Kannste sterben von.”


Hörspiel auf WDR3:

Das Hörspiel “Morgen ist Regen” von Guy Helminger lief am 21. Juni 2016 im Radioprogramm des WDR 3. Nach den Sendungen stehen die Hörspiele befristet zum kostenlosen Download bereit. Alternativ können die Hörspiele über den Browser (hier geht’s zum WDR 3 Hörspielplayer) abgespielt werden.

Folge der Woche: Die drei ??? Das leere Grab (78)

Wie immer montags gibt’s wieder eine Ausgabe unserer Rubrik “Folge der Woche”. Was Die drei Fragezeichen und deren gesamtes Hörspiel-Team in den Jahren 1997/98 produziert haben, ist grandios: Die Folgen-Reihe 70 aufwärts sprüht nur so vor Highlights – könnt ihr euch erinnern? Um nur mal einige Folgen davon zu nennen: “Poltergeist” (73), “Die Spur des Raben” (75), “Stimmen aus dem Nichts” (76), “Im Bann des Voodoo” (79) …

Wir verneigen uns, sagen Chapeau und besprechen heute Folge 78, “Das leere Grab”, eine Folge, die es in sich hat, weil wir unseren Ersten einmal von einer ganz anderen Seite erleben dürfen.


“Ich habe eine Frage an dich, Justus”

Der Schriftsteller Albert Hitfield (Manfred Steffen), ein langjähriger Freund, ist frisch von seiner Recherche-Reise aus Südamerika zurückgekehrt. Bei seiner Ankunft greift er sofort zum Telefon, um Justus anzurufen. Wir lauschen einem rätselhaften Gespräch:

Wie heißen deine Eltern? – Justus zögert: Sie meinen Tante Mathilda und Onkel Titus. – Nein, ich meine deine richtigen Eltern!?

Diese Frage von Albert Hitfield geht einem ganz schön durch die Magengrube, zumal wir wissen, dass Justus Eltern – Catherine und Julius Jonas – vor vielen Jahren bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen sind.

Die totgeglaubten Eltern

Fassungslos starrt Justus auf das Foto, das Hitfield erst vor wenigen Tagen in einem kleinen Urwald-Dorf in Venezuela geschossen hat. Die Frau auf dem Bild zeigt Catherine Jonas, seine Mutter. Doch wie ist das möglich? Seine Eltern sind schließlich vor über zehn Jahren bei einem Flugzeugabsturz vor der Küste Südamerikas gestorben. Hitfield konnte unmöglich mit Justus Eltern in einer Pension eingemietet gewesen sein, mit einem “netten amerikanischen Ehepaar namens Jonas”, mit freundlichen und zuvorkommenden Touristen aus Kalifornien.

Von Kindesbeinen an wuchs Justus bei seiner Tante Mathilda und seinem Onkel Titus in Rocky Beach, Santa Monica, auf. Sollte sein bisheriges Weltbild schließlich auf einem wackeligen Fundament stehen? Waren seine Eltern in Wahrheit gar nicht tot, sind untergetaucht und haben sich in Südamerika ein neues Leben aufgebaut? Eine schaurige Vorstellung …

Kopflos und wie von Sinnen

Justus rekapituliert sein bisheriges Leben, sammelt sein gesamtes Wissen über seine Eltern, deren Flugzeug vor mehr als zehn Jahren vor der Nordküste Südamerikas ins Meer gestürzt ist. Hat es damals – entgegen der Medienberichte – doch Überlebende gegeben? Die Leichen seiner Eltern sind schließlich nie geborgen worden. Aber warum haben sich Justus Eltern dann nie bei ihm gemeldet? Der erste Detektiv reagiert kopflos. Ohne zu überlegen, bucht er einen Flug und landet in der gefährlichsten Stadt Venezuelas, der Diamantenstadt Suerte. Justus begibt sich – gegen den Rat seiner Familie und seiner Freunde Peter und Bob – auf eine Reise ins Ungewisse …


Kurzfazit

Inhalt:

“Das leere Grab” ist eine typische A-Seiten-Folge: unglaublicher Spannungsbogen, der sich – leider – in der Mitte der B-Seite aufzulösen scheint. Die Möglichkeit, dass Justus Eltern noch leben könnten, erweckt auch bei uns Hörern eine schier unaushaltbare Neugierde – ein toller Stoff, den man auf der B-Seite noch detailreicher hätte ausschmücken können. Leider reichen zwei Hörspielseiten nicht aus, der Folge hätten mehr Kassetten gewidmet werden müssen.

“Das leere Grab” ist mehr als hörenswert, denn hier gibt es etwas völlig neues, einen überaus emotional, beinahe kopflos agierenden Ersten Detektiv Justus Jonas. Die Möglichkeit, dass seine Eltern noch leben könnten, bringt den ansonsten stets rational handelnden Kopf der drei Detektive nahezu gänzlich aus der Fassung. Justus, völlig baff von dieser Vorstellung, ist fortan besessen von der Idee, seine längst tot geglaubten Eltern wiederzufinden.

In dieser Folge geht es hauptsächlich um Justus. Endlich werden die genaueren Umstände vom Tod seiner Eltern beleuchtet. Eine mitreißende und spannende Folge, bei der man sich ertappt, mit dem Ersten mitzufühlen und ihm zu wünschen, dass er seine Familie wiederfindet.

An der Idee zur Folge gibt es nichts auszusetzen; sie ist solide umgesetzt worden. Ein solches Thema bringt Abwechslung und innovativen Schwung in die Serie. Jedoch liegt hier der Teufel im Detail: Solch ein heikles Thema, dessen Fokus absolut auf Justus Vorgeschichte liegt, hätte man lieber in eine Jubiläumsfolge gepresst, um die Geschichte intensiver zu behandeln und aufzurollen.

Sprecherleistung:

Großartige Sprecherleistung von Oliver Rohrbeck, dem es gelingt, Justus emotionale Aufgewühltheit perfekt in Szene zu setzen. Der leider bereits verstorbene großartige Manfred Steffen spielt Albert Hitfield authentisch und trägt mit seiner Art zu sprechen zur spannungsgeladenen Grundstimmung der Folge bei.

Geräusche-Umsetzung:

Die Geräusche in der Folge “Das leere Grab” liegen diesmal weniger im Fokus. Die Zwischenmusik ist verwunschen und der aufgewühlten Grundstimmung zuträglich.

Gesamtspiellänge:

57min28


Lieblingszitat(e):

Justus (nach Luft ringend): “Könnte … K-k-könn-könnte ich vielleicht doch etwas zu trinken haben?”
Albert Hitfield: “Selbstverständlich! Eine Coke?”
Justus: “Einen Whiskey!”

Justus (hustend, nach einem ordentlichen Schluck Whiskey): “Uäh … widerliches Zeug! Aber jetzt spüre ich meinen Körper wenigstens wieder.”


Besetzung:

Erzähler Matthias Fuchs
Justus Jonas Oliver Rohrbeck
Peter Shaw Jens Wawrczeck
Bob Andrews Andreas Fröhlich
Mathilda Jonas Karin Lieneweg
Titus Jonas Hans Meinhardt
Albert Hitfield Manfred Steffen
Morton, Chauffeur Andreas von der Meden
Lys Kerstin Draeger
J.J. Gregor Reisch
Julius Jonas Wolfgang Kaven
Catherine Jonas Anne Moll
Arturo Carlos Goiach
Autovermieter Richard Ems